
China, USA und Brasilien – jedes Land hat seinen Reiz, und die Kulturen könnten unterschiedlicher kaum sein. Sich darin bewegen zu können, verschafft nicht nur persönliche Sicherheit, sondern auch einen entscheidenden Vorteil in Verhandlungen, Gesprächen und Begegnungen mit der fremden Kultur.
Vom 17. bis 19. April fand auf Einladung der Bosch-Jugendhilfe das dritte Stipendiatentreffen statt, mit dem der jährliche Zyklus von drei Modulen zur Berufsvorbereitung abgeschlossen wurde. Marion Oertel-Nau und Kommunikationstrainer und Moderator Ingo Straten trafen 47 Stipendiatinnen und Stipendiaten in der Tagungsstätte Bernhäuser Forst nahe Stuttgart, um sich in Ländertrainings auf einen möglichen Aufenthalt fernab der Heimat vorzubereiten. Eine hohe Lernintensität, anregende Gesprächsrunden und eine einzigartige Atmosphäre überzeugten auch diesmal die jungen angehenden Akademiker von diesem besonderen Angebot der Robert Bosch GmbH.
Wie wichtig dem Unternehmen trotz der angespannten Finanzlage die aktive Nachwuchsförderung ist, belegte allein der Besuch von Dr. Uwe Schirmer, Direktor für Personalgrundsatzfragen und Vorsitzender des Ausschusses der Bosch-Jugendhilfe. Er unterstrich mit einem informativen wie eindrücklichen Vortrag am Freitagabend, welche Bedeutung die Internationalisierung der Mitarbeiterschaft für die Robert Bosch GmbH hat. Die Zahl der Mitarbeiter, die ihr Heimatland verlassen, um zeitweilig an anderen Standorten in einem fremden Land zu arbeiten, ist in den letzten zehn Jahren enorm angestiegen. Nicht allein vom Stammsitz des Unternehmens in Deutschland aus ziehen Bosch-Angestellte ins Ausland, auch gibt es eine große Zahl von Versetzungen zwischen den einzelnen Standorten weltweit. Der Trend geht freilich nach Asien. Dort liegen die Wachstumsmärkte der Zukunft.
Eine Mitarbeiterin der Robert Bosch GmbH aus der Türkei und eine Studentin aus Peru, die zur Zeit ihre Magisterarbeit bei Bosch schreibt, berichteten im Anschluss über ihre Erfahrungen in Deutschland, welche Vorurteile, die sie hatten, bestätigt wurden und wie sie die deutsche Kultur erleben.
Gemeinsam mit dem Tübinger Beratungsunternehmen IMB bot die Bosch-Jugendhilfe am zweiten Tag den jungen Leuten, die teilweise aus England, Italien und Schottland angereist waren, in vier parallel stattfindenden, halbtägigen Ländertrainings vielfältige Einblicke in die Gastländer China, USA (zwei Kurse) und Brasilien. Im Wechsel zwischen Vortrag und Fragerunde, Rollenspiel und Arbeitsgruppe informierten die Referenten Jieyao Hu, Dr. Philip Gruber, Dr. Douglas Cunningham und Dr. Martin Friedrich über ihre Erfahrungen mit zahlreichen eindrücklichen, weil so alltäglichen Beispielen. Auf der Metaebene ging es vielfach um die Frage nach Wahrnehmungen des Fremden in der Fremde. Welches Bild der Deutschen existiert im Ausland, welchen Klischees sitzen wir auf, wenn wir die deutsche Staatsgrenze verlassen? Vorurteile stehen der Begegnung mit anderen Kulturen so massiv im Wege, dass es selbst in den Ländertrainings einige Ahs und Ohs brauchte, bevor man einen unverstellten Blick auf China, USA und Brasilien werfen konnte. Sich in einem unbekannten Land zu bewegen, heißt nicht, entweder die eigene Herkunft zu verleugnen oder sie gegen alles Neue zu verteidigen. Vielmehr ginge es darum, den Spagat zwischen Heimat und Fremde nicht so großformatig anzulegen, so Dr. Martin Friedrich in seinem Workshop. Im Bewusstsein der eigenen Herkunft den neuen Eindrücken offen begegnen und verstehen, warum es hier so läuft und andernorts nicht.
Großes Interesse bestand beim Thema Kommunikation. Die ganz alltäglichen Begegnungen sollten begreifbar werden. Begrüßung und Abschied, Small talk und Tabuthemen, Geschenke und Essenrituale sind praktische Ratgeber und (Über)Lebenshilfen, wenn erst einmal der Kontakt mit den Menschen des Gastgeberlandes gelingt. Vieles hat im Gastland im Vergleich zu Deutschland eine komplett andere Bedeutung. Ein leerer Teller nach dem gemeinsamen Essen heißt in China nicht, es hat geschmeckt, sondern für den Gastgeber ist es das Signal, noch einmal nachzulegen, denn es war zu wenig. Gastgeschenke werden in China nicht vor den Augen des Gastes ausgepackt und grundsätzlich zunächst hartnäckig abgelehnt. Standhaft soll der Deutsche hier bleiben, denn am Ende nimmt der Gastgeber doch gerne an. Verblüffend das Bewerbungsverfahren in den USA: weder Passbild noch Angaben zum Alter oder Familienstand sind dort erwünscht. Denn kein Arbeitgeber soll aufgrund dieser Faktoren über eine Einstellung entscheiden. Allein die Qualifikation in der Sache soll Einfluss auf eine künftige Zusammenarbeit haben.
Der Sonntagvormittag gehörte den Stipendiaten, die bereits einige Zeit im Ausland gelebt und gearbeitet haben. Ihre Erfahrungen – vom Heimweh bis zum spartanischen Studentenleben, von hohen Telefonkosten bis zu den Begegnungen in der Straßenbahn – waren so reich, dass vielen diese offene Erzähl- und Fragerunde mit das wichtigste inhaltliche Ereignis war. Erst wer ganz in das Leben das Gastgeberlandes abtaucht, bekommt einen Eindruck davon, wie das Fremde im Anderen und in einem selbst tickt. Schlüssel der Verständigung und zum Verständnis ist die Sprache – und über diese „banale“ Einsicht wird bewusst, dass Integration neben dem Wollen vor allem auch Zeit braucht und die Offenheit von beiden Seiten.
Im April des nächsten Jahres werden sich die Stipendiaten der Bosch-Jugendhilfe wieder in der Evangelischen Akademie in Bad Boll treffen. Thema wird Rhetorik und Präsentation sein. Zehn Jungakademiker sind dann nicht mehr dabei: Sie haben alle drei Bildungsmodule – Rhetorik und Präsentation – Assessment – Interkulturelle Kompetenz – durchlaufen. Der Abschied fiel schwer, aber im Zeitalter des Networking wollen alle in Kontakt bleiben.
Ingo Straten